Didaktische und methodische Hinweise bei Sehbehinderung und Blindheit

 

zusammengestellt von A. Aach und F. Laemers

 

ergänzt von Marija Gschaider-Kraner

 

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Inhalt

Einleitung

 

Didaktische und methodische Hinweise bei Sehbehinderung

 

  1. Sitzplatz
  2. Tafelbild
  3. Textvorlagen
  4. Schreiben
  5. Projektionen / Videos
  6. Landkarten
  7. Naturwissenschaftlicher Unterricht
  8. Geometrie
  9. Schularbeit
  10. Allgemeine Hinweise
  11. Hilfsmittel

 

Didaktische und methodische Hinweise bei Blindheit

 

  1. Sitzplatz
  2. Tafelbild
  3. Textvorlagen
  4. Schreiben
  5. Projektionen / Videos
  6. Landkarten
  7. Naturwissenschaftlicher Unterricht
  8. Geometrie
  9. Schularbeit
  10. Allgemeine Hinweise 

 

Literatur

 

Einleitung

 
[zurück zum Inhalt]Eine Sehschädigung wirkt sich unter funktionalen Aspekten unserer auf Visualität ausgerichteten Kultur im Alltag in den folgenden vier Bereichen aus (vgl. Hyvärinen 2001):

  • Kommunikation (in der Gruppe sowie von Person zu Person)
  • Orientierung und Bewegung
  • Aktivitäten des täglichen Lebens
  • Länger andauernde Aufgaben, die ein Sehen in der Nähe erfordern (Lesen, Schreiben, Spielen etc.)

Bei der Erstellung der didaktischen und methodischen Hinweise haben wir uns an diesen vier Bereichen orientiert und besonders die im schulischen Bereich relevanten Faktoren berücksichtigt. Bei den Hinweisen ist zu beachten, dass bei jedem Schüler, bei jeder Schülerin im Einzelfall zu prüfen ist, welcher der Hinweise zutreffend ist. Wichtig ist, dass die Hilfen von den Lehrer/innen ganz selbstverständlich und unaufdringlich gegeben werden sollten. Dies erleichtert vor allem die soziale Integration, wenn der Schüler / die Schülerin mit einer Sehschädigung nicht ständig mit seiner Sehschädigung und dem damit verbundenen Aufwand vor der Klasse hervorgehoben wird. Es besteht die Gefahr, dass die vielfältige Persönlichkeit eines Schülers / einer Schülerin lediglich auf die Sehschädigung reduziert wird. Dies ist für das gemeinsame Leben und Lernen nicht unbedingt förderlich.

Didaktische und methodische Hinweise bei Sehbehinderung

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  1. Sitzplatz
  2. Tafelbild
  3. Textvorlagen
  4. Schreiben
  5. Projektionen / Videos
  6. Landkarten
  7. Naturwissenschaftlicher Unterricht
  8. Geometrie
  9. Schularbeit
  10. allgemeine Hinweise
  11. Hilfsmittel

 

1. Sitzplatz

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    Bild: Mädchen schreibt am Schrägpult

  • Auf gute Beleuchtung achten. Viele sehbehinderte Kinder benötigen eine gute Beleuchtung; oft sind zusätzliche Deckenstrahler über der Tafel sinnvoll. Falls der Lichtbedarf des Kindes / Jugendlichen sehr hoch ist, muss eine zusätzliche Einzelplatzleuchte am Arbeitstisch angebracht werden.
  • Blendempfindliche Kinder (z.B. bei Albinismus, Farbenblindheit, grauem Star) sollten vor zu grellem Deckenlicht bzw. direktem Sonnenlicht geschützt werden – evtl. Beleuchtung in Nähe des Kindes ausschalten bzw. Vorhänge oder Jalousien zuziehen
  • Sehbehinderte Schülerinnen und Schüler sollten in der Regel in der 1. Reihe sitzen, damit der Abstand zur Tafel möglichst gering ist.
  • Bild: Schüler liest am Schrägpult

  • Bei Einsatz eines Tafellesegerätes ist auch ein Sitzplatz weiter hinten möglich und kommt dem Wunsch vieler sehbehinderter Schüler und Schülerinnen entgegen, einmal nicht der Lehrkraft „vor der Nase zu sitzen“. [Didaktik_Tafellesegerät1]
  • Der Platzbedarf kann manchmal sehr groß sein, besonders dann, wenn Tafellesegerät, Computer usw. für die tägliche Arbeit benötigt werden
  • Damit sich sehbehinderte Kinder beim Lesen und Schreiben nicht so tief hinabbeugen müssen und keine Rückgratschädigungen auftreten, empfiehlt sich eine neigungsverstellbare Arbeitsplatte, die die Lese- und Schreibvorlage näher an die Augen heranführt Dies kann sowohl ein neigungs- und höhenverstellbarer Einzeltisch sein als auch ein Tischaufsatz, der auf einen normalen Schreibtisch gesetzt wird und mehr Flexibilität ermöglicht. [Didaktik_Schrägpult].
  • Andere Alternativen zum Lesen bieten Leseständer bzw. Konzepthalter.

 

2. Tafelbild

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    Bild: Schülerin liest mit Kleinfernrohr (Monokular)

  • Starke Kontraste ergeben sich durch eine saubere Tafel und die Verwendung von weißer oder gelber Kreide.
  • Es sollte immer die Möglichkeit gegeben werden, zur Tafel zu gehen, wenn der Tafeltext vom Platz nicht mehr erkannt werden kann.
  • Zum Lesen an der Tafel vom Platz aus kann ein Monokular oder ein Binokular benutzt werden. Wichtig ist, dass die Handhabung in das Hilfsmittel eingeübt wird.
  • Ein elektronisches Bildschirmlesegerät mit Tafelkamera kann das Tafelbild auf einen Bildschirm am Platz des Schülers oder der Schülerin übertragen.
  • Bild: Schüler liest mit Tafelkamera von der Tafel

  • Lehrer und Lehrerin verbalisieren, was an der Tafel geschrieben wird, so dass eventuell nicht lesbare Informationen akustisch aufgenommen werden können. Nonverbale Hinweise sollten nicht gegeben werden, wie z.B. Kopfnicken.
  • Ein Mitschüler liest den Text beim Abschreiben mit, sodass das Kind mit Sehbehinderung auch mitschreiben kann.
  • Ein Mitschüler stellt während des Abschreibens eine Durchschrift her.
  • Eine weitere Möglichkeit kann sein, dass sehbehinderte Schülerinnen und Schüler vom Nachbarn abschreiben dürfen, was dieser von der Tafel abgeschrieben hat.
  • Die Unterlage, das Heft der Mitschüler, die Folien des Overhead-Projektors werden als Kopien dem sehbehinderten Kind vorgelegt.
  • Falls der Schüler/die Schülerin mit Sehbehinderung am PC arbeitet, kann der Text vom Mitschüler diktiert und dann für beide ausgedruckt werden.

3. Textvorlagen

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  • Auf Kontraststärke achten; möglichst schwarz auf weiß; grauer Strich auf grauem Umweltpapier ist schlecht sichtbar. Bei bunten Blättern ist zu bedenken, dass der Kontrast von Schrift zum Untergrund oft stark verringert wird. Auch bunte Schriften erzielen manchmal eine nachteilige Wirkung, z.B. lila, orange, … Schrift bietet wenig Kontrast.
  • Es muss berücksichtigt werden, ob entsprechendes Farbsehvermögen vorhanden ist, bei Farbsehproblemen bzw. Farbenblindheit müssen Hervorhebungen in anderer Schriftart z.B. Kursiv und Fett vorhanden sein.
  • Falls möglich, dann sollte die Textvorlage in Maschinschrift vorhanden sein, Handschriften sind meist schwer zu lesen.
  • Vergrößerungskopien können bei kleiner Schrift helfen; bei Abbildungen evtl. auch. Dabei ist zu beachten, dass bei einer Vergrößerung von A4 auf A3 nur eine 1,5-fache Vergrößerung erzielt wird, dies ist für viele Kinder und Jugendliche mit Sehbehinderung zu wenig!
  • Bild: Adaptierte kontrastreiche Bezirkskarte

  • Ein Lesepfeil, eine Leseschablone oder ein deutlich umrandetes Lesefenster ist für Leseanfänger meist eine Erleichterung bei der Orientierung im Text. Auch das Abdecken des nicht zu bearbeitenden Seitenabschnitts kann Klarheit bringen.
  • Selbsterstellte Arbeitsblätter auf dem Computer machen eine individuelle Schriftgröße sowie besonderen Zeilenabstand und evtl. Fettdruck möglich.
  • Der Text kann auf Kassette aufgesprochen und in Vorbereitung auf den Unterricht von Schülern und Schülerinnen abgehört werden.
  • Umfangreiche Texte können sehbehinderten Schülerinnen und Schülern tags zuvor ausgegeben werden.
  • Ein Bildschirmlesegerät wird eingesetzt.
  • Grafiken müssen je nach Komplexitätsgrad und Größe und des Sehvermögens der Schülerin / des Schülers adaptiert werden (Konturierung, Vereinfachung, Farbe, Kontrast, Beschreibung).
  • Bei der Adaption von Grafiken sollten folgende Fragen gestellt werden:o Was soll die Grafik veranschaulichen? Kann dies entsprechend umgesetzt werden? o Gibt es evtl. eine andere einfachere Möglichkeit, dies zu verdeutlichen? (z.B. durch ein „Hörbild“, Beschreibungen, ein Modell, ein Artefakt oder ein reale Begegnung, etc.) o Ist die Information, die die Grafik beinhaltet auch schon im Text vorhanden – ist sie redundant?o Kann die Abbildung bei der Umsetzung vereinfacht werden ohne die relevanten Informationen zu verlieren? o Ist es sinnvoller die komplexe Information der Grafik in zwei oder drei Grafiken darzustellen? o Steht der Zeitaufwand für die Adaption in vertretbarem Verhältnis zur Nutzung?
  •  Bilder mit wenig visueller Information bieten mehr Übersicht.

 

4. Schreiben

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    Bild: Verschiedene kontrastreiche, "große" Lineaturen

  • Wem das Schreiben auf normalen Linien schwer fällt, sollte dickere, evtl. rote Linien benutzen.
  • Für Schreibanfänger gibt es Hefte mit farbigen Schreibflächen statt Linien, die die Schrift besser herauskommen lassen.
  • Individuelle Lineaturen können am Computer angefertigt und vom Schüler mit Sehbehinderung ausprobiert werden
  • Filzschreiber, Tintenkullis oder Fineliner geben mehr Kontrast als Bleistifte. Wenn Bleistifte bei Schreibanfängern bevorzugt werden, sollten sie weich sein, um dicker und dunkler zu schreiben. Der Schreiblernstift mit dicker Mine ist ebenfalls kontrastreich.
  • Bild: Schüler mit Tafellesesystem beim Tastaturschreiben

  • Beim Einsatz eines Computers ist es erforderlich, sehr frühzeitig mit dem Erlernen des Zehnfingersystems auf der PC-Tastatur zu beginnen. Maschinschreiben ist als notwendige und hilfreiche Kulturtechnik bei Schülerinnen und Schülern mit Sehbehinderung anzusehen.[Didaktik_Maschinschreiben]

 

5. Projektionen / Videos

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  • Möglichst in Augenhöhe projizieren, Beschreibung des Bildes. Wenn am Overheadprojektor das Bild zu undeutlich ist, kann der Schüler oder die Schülerin die Folie oder die Vorlage am Platz betrachten – dies ist bei sehr vielen Schülerinnen und Schülern erforderlich
  • Texte, die von der Overheadvorlage abgeschrieben werden müssen erhält die Schülerin/der Schüler mit Sehbehinderung auf Diskette, sie/er muss den Text bearbeiten, Wichtiges fett hervorheben, unterstreichen usw.
  • Der Schüler / die Schülerin sollte einen möglichst nahen Platz vor der Projektionsfläche / dem Bildschirm erhalten.
  • Bei Bedarf müssen ergänzende Beschreibungen gemacht werden.

 

6. Landkarten

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    Bild: Adaptierte, zum Teil taktile steirische Landkarte

  • Bei der Einführung in die Arbeit mit Karten kann die zusätzlich taktile Adaptierung von Grenzen, Flüssen, Orten usw. hilfreich sein. Auf der Grundkarte mit taktiler Grenze und Flüssen werden jeweils andere Schwerpunkte adaptiert z.B. Berge, …. es dürfen nicht zu viele Informationen auf einer Karte sein.
  • Bei der Arbeit an der Wandkarte ist aus der Entfernung die Schrift nicht zu lesen und es geht bei naher Betrachtung leicht der Überblick verloren. Die Arbeit mit dem Atlas ist oft besser handhabbar, bleibt jedoch auch mit Einsatz von Lupen mühsam.
  • Bild: Stark farblich, mit Folien gestaltete Steiermarkkarte

  • Farbige Vergrößerungskopien können hilfreich sein. Zusätzliche Markierungen mit Marker- oder Filzstift erleichtern das Zurechtfinden.
  • Bewährt hat sich der sukzessive Aufbau mit Hilfe von Overlay-Folien.

 

7. Naturwissenschaftlicher Unterricht

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    Bild: Am Bildschirm stark vergrößertes Experiment

  • Ganz nah herantreten, um die Experimentanordnung kennen zu lernen. Diese und das Experiment genau beschreiben.
  • Beim Aufbau der Versuchsanordnung evt. mithelfen lassen
  • Bei der Betrachtung von Modellen Gelegenheit geben, sie ganz für sich aus der Nähe zu betrachten.
  • Bildschirmlesegerät als Vergrößerungsmöglichkeit nützen [Didaktik_Anschauung]

 

8. Geometrie

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  • Wenn ein Bleistift benutzt werden soll, sollte er sehr weich sein, um dicker und dunkler zu schreiben. Ein dünner Filzstift ist evtl. wegen der stärkeren Kontraste besser geeignet.
  • Die Verwendung von Zirkel mit Adapter für den Einsatz von Fineliner oder Filzstift ist meist hilfreich.
  • Auf große Zahlen bei Lineal und Geodreieck ist zu achten. Bewährt hat sich das Unterlegen mit Markierungs-Klebeband. Es kann Millimeterpapier mit verstärkten Linien benutzt werden.
  • Bei geometrischen Zeichnungen erhält der Schüler oder die Schülerin eine Genauigkeitstoleranz bis zu 10 mm.

 

9. Schularbeit oder schriftliche Tests

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  • Sehbehinderte Kinder benötigen die gleiche bis zu der doppelten Arbeitszeit. Entsprechend dem Erlass über den „Nachteilsausgleich für Menschen mit Behinderungen bei Prüfungen und Leistungsnachweisen“ ist eine Arbeitszeitverlängerung zu gewähren. Die Zeit hängt ab von der Art und Qualität der Vorlagen und wie sehbehinderte Kinder die Techniken der Sehhilfen beherrschen.
  • Bei längeren Angaben kann eine akustische Version der Schularbeitenangabe sinnvoll und hilfreich sein.
  • Aufbereitung der Schularbeitenangabe in optimaler Schriftgröße, Schülerin/Schüler soll Text möglichst gut lesen können.
  • Bei Textangaben in digitaler Form für den Bereich Mathematik die Schriftart „Courier New“ verwenden, da bei dieser Schrift alle Zeichen gleich breit sind. Dadurch wird das Anschreiben von Rechnungen leichter möglich.

 

10. Allgemeine Hinweise

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  • Sehen ist nicht gleich sehen – das bedeutet, dass sogar ein und dieselbe Person unter verschiedenen Bedingungen unterschiedlich gut das vorhandenen Sehvermögen auswerten kann – Stress, Ermüdung, beginnende Erkrankung kann eine kurzzeitige Sehverminderung zur Folge haben.
  • Eine ausreichende Information über das funktionelle Sehen ist für die konkrete Arbeit dringend erforderlich – unter welchen Bedingungen kann die Schülerin/der Schüler etwas bzw. möglichst gut sehen.
  • Ein handlungsorientiertes Lernen erleichtert dem Schüler / der Schülerin das Begreifen der Zusammenhänge.
  • Die Adaption des Unterrichtsstoffes kann evtl. auch durch die Reduktion des Stoffes erreicht werden.
  • Eine Orientierung an aktuellen Erfahrungen und Erlebnissen ist generell sinnvoll und wünschenswert.
  • Zeitzugaben können nicht nur bei Klassenarbeiten sondern auch im gesamten Unterricht hilfreich sein.
  • Sehbehinderte Schüler/innen sollten mit ihrem Namen angesprochen werden, da sie nonverbale Aufforderungen (wie z.B. Kopfnicken) meist nicht wahrnehmen können.
  • Lehrer/innen sollten sich immer wieder erlauben, die Perspektive des sehbehinderten Kindes einzunehmen. Dadurch werden mögliche Fragen oder Schwierigkeiten evtl. schon im Vorfeld klar. Dennoch sollte es vermieden werden, im Vorhinein Vermutungen anzustellen und diese für Tatsachen zu halten.
  • Der Körper des Kindes kann als Bezugspunkt / Ausgangspunkt für das Lernen genutzt werden.
  • Es ist zu empfehlen, Situationen zu gestalten, die dem sehbehinderten Kind das Lernen erleichtern.
  • Sehen erfordert für Menschen mit einem „anderen Sehvermögen“ ein Höchstmaß an Konzentration. Ermüdungserscheinungen können rascher auftreten, manchmal kommt es sogar zu Übelkeit aus Überanstrengung.
  • Bei Kindern mit Sehbehinderungen sind häufig noch nicht gemachte Erfahrungen zu verzeichnen. So sind Dinge in größerer Entfernung oder besonders kleine Gegenstände vielleicht noch nie wahrgenommen worden (z.B. die Spitze eines Baumes, die Beine einer Fliege, usw.).
  • Die Lehrerin/der Lehrer sollte eine große Akzeptanz gegenüber sogenannten „Stereotypien“ entwickeln. Letztlich macht jede Bewegung und Handlung für denjenigen, der sie ausführt einen Sinn. Durch nahes Herangehen z.B. kann versucht werden, ein besseres Bild zu bekommen, ständiges Herumlaufen in der Gruppe kann möglicherweise dem Kind helfen einen Überblick über die Situation zu gewinnen.
  • Verbalisierung und Vergegenständlichung ist bei fehlender visueller Erarbeitung von Unterrichtsmaterial wichtig. Gegenstände können, wenn möglich, in die Hand gegeben werden.
  • In Fächern oder Unterrichtsbereichen, in denen aufgrund einiger Inhalte eine erfolgreiche Teilnahme am Unterricht nicht immer möglich ist (z.B. Sport, Werken, Technisches Zeichnen, Textilarbeit), sind Alternativen innerhalb diese Unterrichtsbereiches anzubieten. Die Befreiung von einzelnen Fächern ist nicht im Sinne der integrativen Beschulung.
  • Adaptierungen von Stufen oder Glastüren bieten Schülerinnen und Schülern wesentliche Erleichterungen in der Alltagsbewältigung, Gefahrenstellen werden rechtzeitig wahrgenommen.

 

11. Hilfsmittel

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    Bild: Schülerin liest mit Lupenbrille

  • Schülerinnen und Schüler mit einer Sehbehinderung verwenden in verschiedenen Situationen unterschiedliche Hilfsmittel, um den Schulalltag bewältigen zu können.
  • Die Schülerin/der Schüler ist in Bezug auf sein Sehvermögen kompetent, und nur sie/er kann letztendlich entscheiden, welche speziellen Hilfestellungen im Alltag wirklich angenommen werden. Als Lehrer/Lehrerin und Eltern sind wir Begleiter mit anderen Sichtweisen, Einblicken, Erfahrungen, Kompetenzen, ….. wir können Wege – wie spezielle Hilfsmittel, andere Hilfestellungen – zeigen, gehen müssen die Betroffenen den Weg – der Annahme von Hilfsmitteln und Hilfestellungen – aber selber.
  • diverse Lupen
  • Monokular – ein Hilfsmittel für die Ferne
  • Prismenlupenbrille geeignet für den mobilen Einsatz in der Nähe
  • Bildschirmlesegerät mit der Möglichkeit Negativdarstellung abzubilden – bei hochgradiger Sehschärfenverminderung für Schülerinnen und Schüler mit erhöhter Blendempfindlichkeit eine wertvolle Hilfestellung beim Lesen
  • Bild: Mitschüler/innen schauen stark vergrößertes Objekt am Bildschirmlesegerät an

  • Spezielle Hilfsmittel des Kindes mit Sehbehinderung können für alle Kinder wertvolle Unterstützung bei der Veranschaulichung von kleinen Dingen, Lebewesen, … darstellen.
  • Ausreichend Zeit sollte vorhanden sein, um Einzelheiten zu betrachten. Wechsel von Unterrichts- und Arbeitsformen sollten aufgrund erschwerter Sehbedingungen flexibel gehandhabt werden.

 
 

Didaktische und methodische Hinweise bei Blindheit

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  1. Sitzplatz
  2. Tafelbild
  3. Textvorlagen
  4. Schreiben
  5. Projektionen / Videos
  6. Landkarten
  7. Naturwissenschaftlicher Unterricht
  8. Geometrie
  9. Schularbeit
  10. allgemeine Hinweise

 

1. Sitzplatz

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  • Ein ruhiger, nicht von Verkehrs- und anderem Lärm gestörter Raum ist angebracht. Blinde Schülerinnen und Schüler brauchen einen Platz, von dem aus das, was die Lehrerin/der Lehrer sagt, gut zu verstehen ist. Ein Platz möglichst in der Nähe des Lehrertisches ist empfehlenswert, da der Störlärm zwischen Lehrerin/Lehrer und Schülerin/Schüler mit Blindheit die Konzentration sehr stark ablenken kann. Dabei sollte beachtet werden, dass Mitschülerinnen und Mitschüler direkt daneben sitzen können.
  • Manchmal ist ein zweiter Tisch als zusätzliche Arbeitsfläche (z.B. für die Punktschriftmaschine, Laptop, etc.) sinnvoll.
  • Es muss genügend Arbeitsfläche vorhanden sein, um Platz für die großen Punktschriftbücher und die Arbeitsgeräte zu haben. Ein zusätzlicher Schrank oder ein Regal sind erforderlich, um die Materialien zu verstauen.
  • Leichte Erreichbarkeit der nötigen Arbeitsbereiche ist zu überlegen (Wege zwischen Arbeitstisch und Regalen bzw. Schrank sollten möglichst kurz sein)
  • Bei der Verwendung von elektronischen Geräten sollte darauf geachtet werden, dass die Stromversorgung gesichert möglich ist (Kabelverlegung so, dass niemand drüber stolpern kann)
  • Da die elektronischen Geräte hochempfindlich sind, sollten die Tische so aufgestellt werden, dass sie auf einer Seite durch einen anderen Tisch oder eine Wand abgesichert sind. Es sollte niemand den Tisch ganz umrunden können (man denke an den Bewegungsdrang von jüngeren Schülerinnen und Schülern in den Pausen)

 

2. Tafelbild

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  • Das Tafelbild oder die Overheadfolie muss verbalisiert werden (von Lehrerin/Lehrer, Mitschülern/innen oder Integrationshelfern/innen) bzw. sollte – sofern es nicht im Unterricht entwickelt wird – in taktiler Form (Punktschrift / Reliefzeichnung) vorliegen.
  • Tafelabschriften erfolgen durch Diktat oder Integrationshelfer/in. Es kann auch hilfreich sein, wenn der Lehrer / die Lehrerin das Tafelbild dem Schüler / der Schülerin auf Diskette gibt.

 

3. Textvorlagen

  • Müssen in Punktschrift übertragen werden. Sie können zudem in akustischer Form vorliegen, indem sie z.B. auf Kassette aufgesprochen werden.
  • Bei der Übertragung von Bildern / Grafiken in tastbare Qualität ist vorher sehr genau der Informationsgehalt der Abbildung zu analysieren.
  • Soweit es möglich ist, sollten Realbegegnungen nicht durch Modelle ersetzt werden. Dies beinhaltet auch das Aufsuchen unterschiedlicher Lernorte.
  • Bei der Herstellung taktiler Grafiken sollten folgende Fragen gestellt werden: o Was soll die Grafik veranschaulichen? Kann dies entsprechend taktil umgesetzt werden? o Gibt es evtl. eine andere einfachere Möglichkeit, dies zu verdeutlichen? (z.B. durch ein „Hörbild“, Beschreibungen, ein Modell, ein Artefakt oder ein reale Begegnung, etc.) o Ist die Information, die die Grafik beinhaltet auch schon im Text vorhanden – ist sie redundant? o Kann die Abbildung bei der taktilen Umsetzung vereinfacht werden ohne die relevanten Informationen zu verlieren? o Ist es sinnvoller die komplexe Information der Grafik in zwei oder drei taktilen Grafiken darzustellen? o Steht der Zeitaufwand für die Herstellung in vertretbarem Verhältnis zur Nutzung?
  • Die Bereitstellung der Textvorlagen erfordert eine wesentlich langfristigere Vorausplanung als allgemein üblich.
  • Das Layout und Zeilenumbrüche sollten so gestaltet sein, dass die Schüler/innen sich selbständig darin zurechtfinden können. Ein Leitfaden zur Übertragung von Punktschrifttexten wurde 2000 von der AG Braille im VBS entwickelt. Diesen und andere Artikel finden Sie im Internet unter: http://www.braille.ch/leitfad.htm.
  • Um ein gemeinsames Arbeiten zu ermöglichen, müssen die Schwarzschriftseitenzahlen und              -umbrüche in der Punktschriftausgabe gut zu finden sein.
  • Neben der Möglichkeit, auf Hörbücher zurückzugreifen, sollte auch die Möglichkeit, akustische Arbeitsblätter zur Verfügung zu stellen berücksichtigt werden.
  • Durch das Layout können auch Hilfen zur Orientierung gegeben werden (z.B. Rechenpäckchen nicht nebeneinander sondern untereinander schreiben).

 

4. Schreiben

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  • Das blinde Kind schreibt in Punktschrift und benutzt seine Punktschriftmaschine bzw. sein elektronisches Hilfsmittel, z.B. einen Computer mit Schwarzschrift- / Punktschrift-Tastatur.
  • Nach Möglichkeit sollte bereits in der Grundschule mit Vorübungen und Übungen zum Erlernen der eigenen Unterschrift begonnen werden. Auch Schülerinnen und Schüler mit Blindheit sollten ihre Unterschrift in Schwarzschrift schreiben können.

 

5. Projektionen / Videos

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  • Die Bilder müssen mündlich beschrieben werden.
  • Videos / Filme müssen beschrieben werden. [Ausnahme: Filme mit Audiodeskription]

 

6. Landkarten

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  • Taktile Karten oder tönende Karten sind in Einsatz zu bringen. Die Beschaffung kann evtl. über ein Medienzentrum erfolgen.

 

7. Naturwissenschaftlicher Unterricht

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  • Um die Experimentanordnung kennen zu lernen ist es notwendig, dass der Schüler / die Schülerin den Aufbau abtasten kann. Es ist wichtig den Aufbau und das Experiment genau zu beschreiben.
  • Neben der Verbalisierung ermöglichen Messinstrumente mit Tonhöhenanzeige bzw. Sprachausgabe das Verfolgen und Durchführen von Experimenten.
  • Das Farberkennungsgerät kann besonders im Chemieunterricht sinnvoll eingesetzt werden.

 

8. Geometrie

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  • Auf einer speziellen Zeichentafel kann eine Positiv-Zeichnung auf sog. Zeichenfolie mit Stift oder Zirkel erstellt werden, wobei in die Zeichenfläche gedrückte Stecknadeln Fixierhilfe für spezielle Lineale, Winkelmesser und Zeichendreiecke leisten. Zeichenfolie mit aufgeprägtem Koordinatengitter ermöglicht das Zeichnen von Funktionsgraphen.
  • Beim geometrischen Zeichnen ist eine Fehlertoleranz wichtig.
  • Anschauungsbilder von geometrischen Figuren können in einem besonderen Verfahren taktil gestaltet werden z.B. Quellkopie

 

9. Schularbeiten und schriftliche Tests

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  • Entsprechend dem Erlass über den „Nachteilsausgleich für Menschen mit Behinderungen bei Prüfungen und Leistungsnachweisen“ ist eine Arbeitszeitverlängerung zu gewähren. der zeitliche Rahmen muss zu Beginn der Schularbeit bekannt sein, die Prüfungsvorlagen müssen blindengerecht aufbereitet sein. Dies erfordert evtl. eine längerfristige Vorbereitung der Angaben.
  • Auch bei schriftlichen Wiederholungen ist die Zeitverlängerung einzuplanen.
  • Als Alternative kann in besonderen Fällen eine Reduzierung der Aufgabenstellung vorgenommen werden.

 

10. Allgemeine Hinweise

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  • Grundsätzlich sollte der Einbezug des akustischen und taktilen Sinnes zum festen Bestandteil des Unterrichts werden.
  • Ein handlungsorientiertes Lernen erleichtert dem Schüler / der Schülerin das Begreifen der Zusammenhänge.
  • Die Adaption des Unterrichtsstoffes kann evtl. auch durch die Reduktion des Stoffes erreicht werden.
  • Eine Orientierung an aktuellen Erfahrungen und Erlebnissen ist generell sinnvoll und wünschenswert.
  • Zeitzugaben können nicht nur bei Klassenarbeiten sondern auch im gesamten Unterricht hilfreich sein.
  • Blinde Schüler/innen sollten mit ihrem Namen angesprochen werden, da sie nonverbale Aufforderungen (wie z.B. Kopfnicken) nicht wahrnehmen können.
  • Lehrer/innen sollten sich immer wieder erlauben, die Perspektive des blinden Kindes einzunehmen. Dadurch werden mögliche Fragen oder Schwierigkeiten evtl. schon im Vorfeld klar. Dennoch sollte es vermieden werden, im Vorhinein Vermutungen anzustellen und diese für Tatsachen zu halten.
  • Der Körper des Kindes kann als Bezugspunkt / Ausgangspunkt genutzt werden.
  • Es ist zu empfehlen, Situationen zu gestalten, die dem blinden Kind das Lernen erleichtern.
  • Das blinde Kind sollte die Möglichkeit erhalten, den Klassenraum und alle anderen Orte, an denen sich die Schüler aufhalten (Nebenraum, Pausenhalle,…) rechtzeitig zu erkunden. Dies kann sinnvollerweise bereits im Rahmen der Vorbereitung auf die nächste Schule im Mobilitätsunterricht passieren, sodass örtliche Gegebenheiten bereits bei Schulbeginn klar sind und der Schülerin /dem Schüler das notwendige Gefühl der Sicherheit vermitteln.
  • Gefahrenstellen im Schulhaus sollten entschärft werden wie z.B. Hängekästen in Kopfhöhe ohne Unterbau, freie Treppen ohne Geländer, …
  • Aufgrund fehlender Beobachtungsmöglichkeiten bleiben vielen blinden Kindern grundlegende Erfahrungen in Alltagssituationen verschlossen, die für sehende Kinder schon in der Vorschulzeit selbstverständlich sind. Bei der Begriffsbildung besteht die Gefahr, dass wichtige Begriffe (mehr – weniger, groß – klein, rechts – links, etc.) nicht mit Inhalt gefüllt sind, bzw. wegen eingeschränkter Erfahrungs- und Beobachtungsmöglichkeiten (z.B. Wolken, Haus, usw.) noch unklar sind.
  • Die Lehrerin / der Lehrer sollte eine große Akzeptanz gegenüber sogenannten „Stereotypien“ entwickeln. Letztlich macht jede Bewegung und Handlung für denjenigen, der sie ausführt einen Sinn. Neigt ein blindes Kind z.B. seinen Kopf oder legt sich mit dem gesamten Oberkörper in Situationen des Wartens oder Zuhörens auf den Tisch, ist dies evtl. damit zu erklären, dass ihm der visuelle Anreiz fehlt.
  • Auch sollte das Gespräch unter den Schülern angeregt werden, um so darüber zu informieren, wo welcher Mitschüler sitzt.
  • Die Mitschülerinnen und Mitschüler sollten die Möglichkeit haben, im Rahmen einer Selbsterfahrung „blind“ vieles ausprobieren zu können
  • Eine Erkundung der mit Bildern und anderen Kunstwerken geschmückten Wände des Klassenraums sollte regelmäßig ermöglicht werden.
  • Bei Schulveranstaltungen wie Wandertagen, Exkursionen, Projektwochen und Sportwochen sind die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass die Schülerin / der Schüler mit Blindheit daran teilnehmen kann. Eventuell ist dazu eine zusätzliche Begleitung z.B. durch die Blindenlehrerin / den Blindenlehrer sinnvoll. In besonderen Fällen sind einzelne Programmpunkte eines Projektes speziell für die Schülerin / den Schüler mit Blindheit anders zu organisieren z.B. Sonderführung in einem Museum, bei der viele Vitrinen geöffnet werden und die Möglichkeit des Begreifens besteht, … . In Fächern oder Unterrichtsbereichen, in denen aufgrund einiger Inhalte eine erfolgreiche Teilnahme am Unterricht nicht immer möglich ist (z.B. Sport, Werken, Technisches Zeichnen, Textilarbeit), sind Alternativen innerhalb dieses Unterrichtsbereiches anzubieten. Die Befreiung von einzelnen Fächern ist nicht im Sinne der integrativen Beschulung.

 

Die Zusammenstellung basiert auf folgender Literatur:

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Ferrell, K.A. (2000): Growth and Development of Young Children. In: Holbrook,
M.C.; Koenig, A.J. (Hrsg.): Foundations of Education, Second Edition, Vol. I,
History and Theory of Teaching Children and Youth with Visual Impairments. New
York: AFB-Press, 111-134

Hoelscher, U. (1999): Schüler mit Sehproblemen an allgemeinen Schulen.
Informationen, Hilfen, Unterrichtsvorschläge für Lehrerinnen und Lehrer.
Freiburg

Hyvärinen, L. (2001): Assessment of Low Vision for Educational Purposes, Part
I; (http://www.lea-test.fi/en/assessme/visasses.html)

Liebrecht, A.; Theiß-Klee, H. (1999): Sehen, Sehbehinderung, Blindheit.
Informationen und Unterrichtshilfen für allgemeine Schulen. Obertshausen:
Paritätischer Wohlfahrtsverband, Landesverband Hessen

Mason, H.; Arter, Ch. (1997): The Preparation of Raised Diagrams. In: Mason,
H.; McCall, S.; Arter, Ch.; McLinden, M.; Stone, J. (Hrsg.): Visual Impairment.
Access to Education for Children and Young People. London: David Fulton Publ.,
171-178

Homepage: Http://isar.reha.uni-dortmund.de/
Didaktikpool; Grundlagentexte; A.Aach und F.Laemers: Didaktische und methodische
Hinweise bei Sehbehinderung und Blindheit; 21. Mai 2005

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Bearbeitung und Autorin: Marija Gschaider-Kraner

 

Quelle: http://isar.reha.uni-dortmund.de